Tänzer im Feuer

Ein Paarkonflikt und die Macht des Spiels

© Raluca Jacono 2018

„Wenn ich gut bin, bin ich sehr gut, aber wenn ich schlimm bin, bin ich besser.“
(Mae West)

Ein klassischer Paakonflikt und die Macht des Spiels: „Helfen Sie mir, meine Frau ist herrschsüchtig, rechthaberisch und dominant! Sie will mich immer kontrollieren, sie weiß es immer besser, sie macht mich fertig!“
„Helfen Sie mir! Mein Mann ist so ein Ignorant. Er hört nie zu, er ist desinteressiert, er macht alles falsch. Ich habe es satt, ihm ständig zu sagen, was er tun soll, und dann wird er sauer auf mich, weil ich ihm zu dominant bin. Wenn er sich nicht immer so dumm anstellen würde, würde ich nicht so zu ihm sein.“

Mia und Marc waren nicht das erste Paar, das ich in meiner Praxis gesehen habe, die so Ihre Geschichte erzählten. Mia, eine Historikerin, war eine große, dunkelhaarige, energische Frau, vierunddreißig Jahre alt. Marc, achtunddreißig, war ein reservierter, ernsthafter, sportlicher Mann, der als Designer arbeitete. Sieben Jahre lang waren sie zusammen und ihre Beziehung lief nicht sehr gut.

Ihr gemeinsames Drama schien speiste sich aus derselben Quelle. Sie war zu rechthaberisch und er war zu zahm. Je rechthaberischer sie war, desto passiver wurde er; und je zahmer er war, desto rechthaberischer wurde sie. Sie schienen eine Menge Energie in einander zu investieren, ohne damit etwas damit zu erreichen: sie liefen im Kreis und trieben sich gegenseitig in den Wahnsinn. Was für eine Verschwendung!

In meiner Ausbildung zur Paar- und Familientherapeutin wurde mir eine bestimmte Sprache vermittelt, um Paaren und Familien zu helfen, ihre Machtkämpfe in friedlichere Dialogen zu verwandeln, in denen sich jeder am Ende mehr gehört und anerkannt fühlt. Eine wunderbare erstrebenswerte Sache. Sie funktioniert solange bis sie eines Tages nicht mehr hilft. Diese bestimmte Sprache fördert Passivität, gute Manieren und politische Korrektheit und stört zugleich die spielerische Spontaneität in eine Liebesbeziehung. Paare binden sich in erster Linie durch (ernstes) Spielen. „To risk meaning nothing is the beginning of play“ so Donald Winnicott. Was nun?

Ich begann, tiefer in die Machtkämpfen von Paaren und in die weibliche Macht, die manche „Dominanz“ nennen einzutauchen. Warum ist es negativ konnotiert, Macht in einer Beziehung zu zeigen? Warum haben wir Angst vor der Kraft des anderen? Was passiert, wenn die Energie in einer Paarbeziehung sich gegenseitig neutralisiert? In meiner Arbeit mit Paaren wie Mia und Marc fand ich heraus, dass es effektiver ist zu lernen, den Machtkampf zu genießen, als ihn durch sogenannte gewaltfreie Kommunikationtechniken zu vermeiden oder zu „lösen“. Ich glaube, dass solche Kommunikationstechniken am Arbeitsplatz oder im Umgang mit einem Fremden im Bus uns sehr gute Dienste erweisen können. Sie helfen uns Distanz und Anstand zu bewahren. Paarbeziehungen funktionieren allerdings nicht nur nach denjenigen Regeln, die uns ermöglichen ein soziales, anständiges Miteinander zu gestalten. Paarbeziehungen haben ein eigenes Innenleben. Wenn wir die Irrationalität eines Machtkampfes in einer Liebesbeziehung vernachlässigen, kann das in eine Scheidung münden. Natürlich übertreibe ich hier ein wenig und zeichne mit groben Strichen. Dennoch…

Die Idee, dass das Paar den Machtkampf mehr genießen kann wurde in meinem Austausch mit meinem Mentor und Freund, Dr. David Keith, Psychiater und Familientherapeut (USA), geboren. Er behauptet, dass die Ehe ein Wettbewerb ist, in dem man darum wettet, wer den anderen zuerst verrückt machen kann. Wie hilft uns diese Idee, über die dominante Frau und den gleichgültigen Mann nachzudenken?

Ich glaube, dass wir grundsätzlich das, was wir Machtspiel in einer Liebesbeziehung nennen, missverstehen. Kulturell betrachtet, verstehen wir „Macht“ als Konzept, das auf den Missbrauch von Macht, nicht aber auf die Nutzung von Macht ruht. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verurteile jegliche Form von Gewalt – vor allem häuslicher Gewalt. Ich freue mich, dass wir so etwas wie Moralvorstellungen und Gesetze diesbezüglich haben. Ich denke aber, dass, wenn es um Liebe geht, eine nicht so sichtbare Seite der Macht notwendig ist, um die Spannung der Liebe und der Intimität zu erhalten. So gesehen, glaube ich an die Macht in einer Liebesbeziehung – wo Macht ist, ist auch Leidenschaft. Wo Leidenschaft ist, ist auch Energie. Macht ist das Besondere, das in der Beziehung mit dem anderen geschieht. Macht ist nichts, was man dem anderen aufzwingt. Ich bin mir meiner (weiblichen) Macht bewusst und nutze sie, um mit dem Anderen im Kontakt zu sein und bestenfalls Wachstum zu ermöglichen. Macht ist die Energie, die ich bereit bin, in Dich, den anderen, zu investieren. Kommunikationskurse und Techniken helfen hier nicht. Erinnern Sie sich an das Gesetz der Physik: ‚Druck erzeugt Widerstand‘? Das ist es, was Mia und Marc erzeugt hatten. Sie haben sich gegenseitig potenziert, wussten aber nicht, wie sie diese Macht nutzen sollten, um Synergien zu schaffen, um die Investition in den anderen nicht mit Gewalt oder Unterdrückung zu verderben.

Und weil wir alle viel besser lernen, wenn wir es auch erleben, ist eines Tages in einer unserer Sitzungen folgendes passiert: Marc kam etwas später in meiner Praxis und das war ihm sichtlich unangenehm. Mia war bereits da und verärgert über ihn. Marc, mit der Miene eines kleinen Jungen, fragte mich, ob er auf die Toilette gehen dürfe ehe wir anfingen. Durch meinem rumänischen Hintergrund habe ich gelernt, wie man Witze macht, wenn einem Fragen gestellt werden, die offensichtliche Antworten haben: man beantwortet genau das Gegenteil von einem was erwartet wird. Das ist etwas, das ich meinen rumänischen „Ironiemodus“ nenne. Wenn Marc mich also um Erlaubnis bittet, auf die Toilette zu gehen, werde ich es verneinen und so die Absurdität seiner Frage und des Versuchs, seine Verantwortung (ergo Macht) auf mich zu übertragen, enthüllen. Die Sitzung hatte bereits damit begonnen.

Ich antwortete mit diesem humorvollen, rumänischen Stil:

„Das ist ja eine Falle. Willst Du, dass Frauen dir sagen, was du tun sollst, damit Du dich danach über ihre Dominanz beschweren kannst, nicht wahr?“ Meine Stimme und mein Körper waren freundlich und entspannt Marc gegenüber als ich ihn so begegnete. Ich habe signalisiert, dass ich verspielt und ernst zugleich bin. Er war verblüfft über meine Aussage und antwortete immer noch reserviert: „Oh, ich habe nur gefragt, aus Höflichkeit. Ich wollte nur wissen, ob wir sofort anfangen. Wenn du sagst, dass ich jetzt nicht gehen soll, dann werde ich warten“.

Also fuhr ich fort: „Oh, Du willst also meine Couch lieber nass machen? Ist es das, was du willst?“ Mit meinen Worten tadelte ich ihn, mit meiner Haltung lud ich ihn ein zum Spielen. Ernst und entspannt zugleich. Dann schwieg ich und wartete auf seine Antwort. Meine provokative Antwort auf Marc ist eingebettet in die Fürsorge und den Wunsch, seine „Lebendigkeit“ in der Beziehung zu Mia zu stimulieren.

Es dauerte nicht lange, bis er das Spiel, das ich ihm anbot, aufnahm und in einem selbstbewussteren und auch lockeren Tonfall sagte: „Oh, natürlich nicht. Ich gehe jetzt lieber auf die Toilette, bevor Du böse auf mich wirst“. Er war in das Spiel eingestiegen, scherzte und man merkte, dass es ihm auch Freude bereitete so zu kommunizieren. Als er zurück kam grinste er über sein ganzes Gesicht. Während dieser Zeit wurde Mia sichtlich ärgerlicher. Sie war auf der Suche nach etwas in ihrer Handtasche und schlug es gegen den Boden: „Siehst du, das ist genau das, wovon ich rede. Er stellt sich so höflich und hilflos an. Wenn ich dann alles für ihn mache, meckert er wieder. Ich habe es satt, dass er mich für seine eigenen Sachen verantwortlich macht und dann kritisiert.“ Ich sagte ihr, dass sie offenbar zu wenig über ihre weibliche Macht Bescheid wusste und genauso wenig auch, wie man sie verspielt einsetzt. Davon handelte unsere Arbeit im folgenden.

Die meisten von uns haben Angst vor unserer eigenen Macht und vor der Macht der anderen. Das ist in gewisse Weise eine Angst vor Intimität. Der Feminismus hat uns lange Zeit gelehrt, gegen die männliche Dominanz und den Machtmissbrauch zu kämpfen. Das war ein historisch entscheidender Schritt in unserer Entwicklung als soziale Menschen. Bis es anfing, dem Ding zu ähneln, gegen das wir kämpften. Also, wofür kämpfen wir jetzt?

Als Therapeutin funktioniert es am besten, wenn ich versuche zu verstehen, was ich mit meiner Kraft mache. Ich denke, der Weg aus einem anstrengenden Machtkampf führt über die Dimension des Spiels. Paare, die nicht spielen können, stecken in dem fest, was George Carlin auf seine einzigartige Weise beschrieben hat: „Männer sind dumm und Frauen sind verrückt. Und der Grund, warum Frauen verrückt sind, ist, weil Männer dumm sind“. Tote Beziehungen haben nicht die nötige Spielfähigkeit, sie haben kein Spielraum und deshalb fühlen sich nicht lebendig an.

Als ehemaliger Theatermacherin und aus der Symbolisch-Experientiellen Familientherapie weiß ich, dass es nichts Ernsteres gibt als Spielen! Das Spiel hilft, die destruktive Dynamik in eine konstruktivere zu verwandeln und die Beziehung am Leben zu erhalten. Das Spiel setzt einen sicheren Rahmen fest indem das „ich“ innerhalb von „wir“ möglich ist. Donald Winnicott, der großartige englische Kinderpsychiater schreibt in Play and Reality über die existenzielle Ebene des Spiels. „Die Abstraktionen von Politik und Wirtschaft und Philosophie und Kultur….dieser „dritte Bereich“, derjenige von kultureller Erfahrung, ist eine Ableitung des Spiels“ so Winnicott. Anders gesagt: das Spielen ist alles.

Das Spiel braucht Übung und je mehr man es tut, desto besser wird man darin. Ich empfehle Paaren, absichtlich Streit zu provozieren und dann diesen Streit zu halten, auszudiskutieren und auch eventuell zu genießen. Zum Beispiel, welche Sorte Eis besser schmeckt. Ich bin überrascht festzustellen, dass viele Erwachsene Scheu oder gar Angst vor dem Spielen haben. In dieser Scheu oder Angst liegt deren ungeahnte Kraft verborgen. „Ich mag nicht spielen“ sagen mir manchmal Eltern in der Beratung. Das Spielen gehört nicht nur den Kindern, aber man kann von Kinder viel darüber lernen.

Die angstfreie physische Präsenz ist im Spiel entscheidend. Die meisten Männer wie Marc benutzen nicht absichtlich Macht gegen ihre Partner. Sie versuchen nicht, einen Partner zu unterdrücken oder Freude daran zu haben, ihn zu schwächen. Marc hat einfach Angst vor der Menge an Energie, die von Mia freigesetzt wird. Ihm fehlt die Erfahrung, wie er mit der Situation umgehen soll, wenn seine Frau vor Emotionen glüht. Er zieht sich in eine Pseudozustimmung zurück, und verstärkt seine Macht in der Ablehnung des Offensichtlichen. Manchmal, um einen Kampf zu beenden, ist es notwendig, einfach furchtlos dazustehen. Marc wird mit der Zeit lernen, dass Mias Verhalten nicht gefährlich ist. Sie will lediglich, dass er dran bleibt und ein „Mann ist, der mit ihrer Wucht umgehen kann“ – so Mia.

Auch Mia hat keinen Gefallen daran, Marc herazubsetzen oder ihn zu erniedrigen. Sie ist einfach nicht in der Lage, ihre hohe, herausfordernde Energie auf eine Weise konstant zu halten, die für sie selbst sich nicht gefährlich anfühlt. Sie meistert noch nicht die Kunst des rechtzeitigen Rückzugs, indem sie die Energie um einen Level herunterdreht und auf ihren Partner re-agiert statt auf ihre Annahmen über den Partner. Auch sie hat Angst vor sich selbst und vor ihren kulturell erlernten Mustern, dass ein Mädchen nett reden, nett aussehen, sich gut benehmen soll und dass ein Mann dumm, kindisch, unsensibel und unverwundbar sei. Sie wird noch lernen, wie sie mit ihrem Partner wie seine Frau spricht, statt wie seine Mutter oder wie seine Tochter. In gewisser Weise haben sich Marc und Mia gegenseitig so erschaffen und können sich mit ein wenig Hilfe wieder neu erfinden.

Ein Ratschlag, den ich für Frauen habe, ist, weniger auf das zu hören, was ihr Partner sagt, sondern mehr darauf, wie er es sagt. Hinterfrage Deine Annahmen darüber, ob die Absicht dahinter ist, Frauen generell herablassend zu behandeln oder ob dein Partner schlichtweg hilflos, ängstlich oder einfach nur unerfahren mit Frauen ist. Ein Ratschlag, den ich für Männer habe, ist, weiterhin Fragen an Eure Partnerinnen zu stellen. Fragen Sie, was sie will und nicht, was sie nicht will. Genießen Sie Ihre „freche“ Frau! Stehen Sie nicht bloß herum, sondern halten Sie Stand! Paarkonflikt und die Macht des Spiels

Die Englische verkürzte Version wurde mit dem Titel „The Power of Enjoyment and the Enjoyment of Power in a Relationship: Learn how to Play“ auf www.relationshiprythms.com publiziert.

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